Die Guillotine: ausstellen oder nicht?

Seit die Süddeutsche Zeitung vor kurzem über den Depotfund einer Guillotine im Bayerischen Nationalmuseum berichtete, tobt nicht nur in der Fachwelt die Debatte darüber, ob so ein Objekt ausgestellt werden darf: Denn es handelt sich nicht nur um eine beliebige Tötungsmaschine, sondern höchstwahrscheinlich um die Guillotine, mit der Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst am 22. Februar 1943 hingerichtet wurden. Darf man so etwas ausstellen?

Während sich die einen daran abarbeiten, was zum Kerngeschäft der Museen gehöre (" ... Belehrung, Aufklärung, Erbauung, Dokumentation, Aufklärung, ..." Süddeutsche Zeitung Nr. 10, 14.01.2014, S. 37) und zum Schluss kommen, dass diese Zwecke nicht durch ausstellen der Guillotine erfüllt werden (Warum eigentlich nicht?), deklinieren andere brav durch, welche Institutionen in München wohl am ehesten geeignet wären, so ein Exponat zu zeigen ("Als Teil der Münchner Stadtgeschichte würde sie durchaus ins Stadtmuseum passen." Zitat wie oben).

Der zuständige Minister Spaenle, von Haus aus selbst Historiker , möchte einen runden Tisch einrichten, was immer gut ist, wenn man zunächst keine eigene Meinung äußern mag oder kann. Und die letzten Überlebenden sind uneins: die einen votieren für ausstellen, die anderen nicht.

Mir scheint die Debatte am Kern der wirklichen Fragen vorbeizugehen und ich meine deshalb eindeutig: Ja, gerade dieses Objekt eignet sich ganz besonders zum Ausstellen! Warum? Weil es gleich mehrere, äußerst wichtig Werte transportiert, auch heute noch.

Allgemeiner Wert: Alleine der Scharfrichter Reichhart enthauptete mit dieser Guillotine 2805 Menschen zwischen 1940 und 1945. Die Todesstrafe ist seit Ende des 2. Weltkrieges in Deutschland abgeschafft, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, in denen bis heute von Staats wegen getötet wird. Ich halte dieses Verbot aus vielen Gründen für eine außerordentliche Leistung der Väter und Mütter unseres Grundgesetzes. Eine Guillotine in einer Ausstellung vermittelt unmittelbar, wie das Geschäft des staatlichen Tötens funktioniert. Das darf und muss gezeigt werden. Sind Texttafeln und Fotos dafür besser geeignet als diese grausige, weil mechanisch perfekte Tötungsmaschine? Natürlich nicht.

Erinnerungswert: Die Guillotine ist nur deshalb in den Fokus geraten, weil sehr wahrscheinlich mit dieser mobilen Guillotine, die der Scharfrichter Reichhart auf einem Opel Blitz zum jeweiligen Einatzort fuhr,  mehrere tausend Menschen hingerichtet wurden, darunter auch Widerstandskämpfer wie die Gruppe der Weißen Rose:  Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst und weitere Mitglieder. Jeder, der den  erfolgreichsten deutschen Kinofilm des Jahres 1982 von Michael Verhoeven gesehen hat, erinnert sich an die Wirkungsmacht dieser Bilder, gerade gegen Ende des Films. Der Film zeigt den beispielhaften Mut von Sophie Scholl (herausragend verkörpert von Lena Stolze), von der ihr Scharfrichter Reichhart sagte, er habe noch keinen so mutig sterben sehen. An diesen persönlichen Mut darf und muss erinnert werden. Wenn jetzt diese Guillotine wieder aufgefunden wurde, dann ist sie von außerordentlichem Wert, um an den Mut der Weißen Rose im Besonderen und den deutschen Widerstand im Allgemeinen zu erinnern. Was sind abstrakte Zahlenwerke über Verbrechen des NS-Regimes gegen die Anschaulichkeit des echten Objektes? Die Aura des Authentischen - man mag davon halten was man will - ist eines der häufigsten Stilmittel jeglicher musealer Inszenierung. Auch deshalb sollte diese Guillotine gezeigt werden.

Identifikationswert: Erinnerung funktioniert am besten über Identifikation. Man muss erkennen, welche Menschen sich hinter abstrakten geschichtswissenschaftlichen Aufbereitungen verbergen. Es nützt keine noch so gut gemeinte Museumspädagogik, wenn es beim Betrachten im Kopf nicht Klick macht. Es ist Identifikation mit dem Gezeigten, die wahrscheinlich alle Ausstellungsbesucher benötigen, um sich wirklich über die bloße Kenntnisnahme von Fakten hinaus mit einer Ausstellung zu befassen.

Dafür gibt es viele Beispiele. Mit Identifikation wird in Berlin am Ort der Information unter dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas gearbeitet. Dort werden die Opfer bewusst mit ihren Familien gezeigt Das Lesen der Briefe mit Erklärung des individuellen Schicksals berührt tief. Die Opfer haben einen Namen, man vergleicht unwillkürlich deren Lebensdaten ("So alt wie ich heute!")  oder versetzt sich in deren Lage (mein Gott: ein Kind hat diesen Zettel aus dem Deportationswagen geworfen...). 

Katalog zur Hiroshima Collection, momentan leider vergriffen.

In der Ausstellung des Hiroshima Peace Memorial Museums werden wenn immer möglich, alle Exponate personifiziert: Es gibt dort nicht nur die berühmten Armbanduhren, deren Glas geschmolzen ist und die Zeiger für immer bei 8:15 fixiert haben. Es gibt dort Alltagsgegenstände, deren absurde Verformung von der Wahnsinnsgewalt der Bombe zeugen. Noch beeindruckender sind die zahllosen Kleidungstücke, alle mit Namen  der Besitzer. Wir sehen den Schatten eines verglühten Menschen, der am Morgen vor einem Bankgebäude im Zentrum von Hiroshima wartete, als die Bombe explodierte. Es gibt dort Fingernägel und Hautreste von strahlengeschädigten Kindern, die von deren Eltern in Blechschachteln aufbewahrt wurden als letzte Erinnerung. Darf man das ausstellen? Ja, man muss sogar!

Die gleichen Argumente gelten für die Ausstellung in Auschwitz, wenn dort Haare der Opfer, deren Koffer oder Prothesen ausgestellt werden. Und sie gelten für die Gipsabgüsse der Opfer, deren Körper beim Vulkanausbruch in Pompeji von der heißen Asche im Moment des Todes konserviert wurden und die aktuell in der Pompeji-Ausstellung der Münchner Hypo-Kulturstiftung zu besichtigen sind.

Prothesen der Opfer in der Ausstellung im Museum Auschwitz-Birkenau.

Gipsabguss eines Mannes mit Kind, Pompeji-Ausstellung der Münchner Hypo-Kulturstiftung.

Es ist übrigens auffällig, dass bei den hier genannten Beispielen diese Art Exponate sehr puristisch gezeigt werden, also ohne große Erklärung der Zusammenhänge. Und sie wirken dennoch oder gerade deshalb, weil sie unmittelbar an unsere Sinne appellieren.

Alle Bespiele verweisen auf das Gleiche:  Diese Exponate erzwingen Identifikation mit Menschen, die mit ihnen verbunden waren. Sie geben den oft anonymen Opfern ein Gesicht und erreichen die Gefühle der Besucher. Dies gilt umso stärker, wenn wir das Schicksal der Opfer kennen. Wenn solche Objekte gezeigt werden vergleichen und werten wir. Und wir sagen: so nicht! Das ist das wichtigste Argument für das Ausstellen der Guillotine, ganz besonders, wenn damit die Geschwister Scholl ermordet wurden. 

Englische Fassung des Blogbeitrages hier.

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Vollkommen einer Meinung mit Kornelius Goetz
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